Urheberrecht, Zombies, Lobby und leidvolle Lizenzen

Da kömmt ja die Tage wieder Einiges zusammen, was mich einerseits zum Kommentieren veranlasst, andererseits auch nachdenklich stimmt. Und vor allem weiss ich grad auch nicht, wo ich am Ehesten anfangen könnte, denn dafür ist das Thema Urheberrecht einfach auch zu komplex und für die Meisten auch kaum greifbar. Aber die Debatten dazu laufen und die Meinungen dazu könnten unterschiedlicher nicht sein.

Da trommelt auf der einen Seite grad die IFPI gemeinsam mit dem Großverdiener Udo Jürgens1 bei diversen Politikern für eine Verlängerung des urheberrechtlichen Schutzes. Oder anders herum ausgedrückt, man möchte der Allgemeinheit ein grundlegendes Recht entziehen. Nämlich ohne Geld zu bezahlen nach einer gewissen Zeit Musikwerke nutzen zu dürfen. Die Musikindustrie nennt sich dabei selbstherrlich “tragende Säulen der Kreativwirtschaft”. Kreativität und Wirtschaft, zwei Dinge, die sich immer ausschlossen und weiterhin ausschliessen werden. Wo der schnöde Mammon regiert, da ist es meist nichts mehr mit Kreativität. Da regieren die Sachzwänge und das Schielen auf das nächste Quartalsergebniss. Und jenes fällt nun seit Jahren für die Musikindustrie von Quartal zu Quartal mieser aus. Aber statt kreativ zu reagieren, werden alternde Herren vor den Karren gespannt und das immer gleichlautende Klagelied angestimmt. Ich kanns nicht mehr hören und mein einziger Kommtar dazu ist und bleibt: “Es wird Zeit, dass die alle wegsterben”.2

Wobei der Gedanke, dass sich die Musikindustrie so vehement dagegen wehrt, Musik als Allgemeingut zu betrachten, durchaus seinen Reiz hat. Sollens doch ihre Aufnahmen der sogenannten Superstars auf alle Zeit wegsperren. Würd ich mich nicht mal dagegen wehren. Denn eins ist auch so sicher, wie das Amen in der katholischen Kirche: Es ist jetzt schon schwer genug, Aufnahmen, welche vor 20 oder 30 Jahren entstanden sind, auf legalem Weg zu bekommen. Genau aus diesem Grunde ist eigentlich der völlig entgegengesetzte Gedankengang richtiger und eine Verkürzung der Schutzfristen angebracht.3 Ich persönlich wäre schon stark dafür, den Schutz auf 7 - 10 Jahre zu begrenzen und nach dieser Zeit alle Werke unter eine nicht-kommerziellen Lizenz für die Allgemeinheit freizugeben und vor allem zu archivieren. Es spricht dann ja immer noch nichts gegen eine kommerzielle Verwertung durch den Urheber oder einen seiner Vertragspartner. Das hierbei jetzt das Verlagswesen und sogenannte Verwertungsgesellschaften in der Betrachtung außen vor bleiben, ist schlicht der Komplexität des Themas geschuldet.

Womit wir dann beim letzten Thema sind - freie Lizenzen. Oli schrieb es bei F!xmbr, dass alle Lizenzformen für ihn nichts mit Freiheit zu tun haben. Stimmt - allerdings ist eben der Schrei nach Freiheit gut gemeint und mit Sicherheit unterstützenswert, nur eben für sich allein und losgelöst von allen anderen Problemen eben auch nur ein Flüstern in der Brandung. Es ist natürlich jedem Autor und Urheber von Werken unbenommen, selbst entscheiden zu dürfen, was und in welcher Form von ihm öffentlich zugänglich und frei ist. Und hier empfinde ich Lizenzen - wie die Creative Commons mit all ihren Schwächen - für eine gute Möglichkeit, die - durch Industrie gegängelte und verwahrloste - Gesellschaft wieder an Freiheit heranzuführen. Und sobald diese Gesellschaft wieder den nötigen Respekt vor den Schöpfungen Anderer besitzt, kann man über generelle Freiheit nachdenken. Vorher stehen eben andere Dinge auf dem Zettel.

Auch bei mir hier…

  1. Zu Zahlen hatte ich vor Kurzem erst etwas geschrieben. Siehe: GEMA-Zahlenspiele []
  2. Quellen: netzpolitik, Golem, IFPI []
  3. Siehe auch: Musikdieb - Gedanken zum Urheberrecht und James Boyle - Breaking the deal []

Ähnlichkeiten mit anderen existierenden Artikeln sind rein zufällig:
Zu diversen Kommentaren hier | Es ist zum Kugeln… | Das ist ja mal großer Bullshit | Erstes werbefinanziertes P2P-Musikportal | Rainbow Warrior | The Search ‘Saturnine Songs’ | Zu kurz gedacht? | Stimme des Volkes | Das find ich nicht nur großartig… | MySpace Music geht an den Start |

4 Meinungen ↓

#1 Oliver am 10.05.2007 gegen 21:05

Sehe ich komplett anders, erst wenn man tatsächlich begreift was Freiheit bedeutet, dann klappt auch der Rest. Erst der Mensch, dann das “Ding” - nicht umgekehrt. Was nützt mir Opensource beispielsweise in Kuba oder China, wenn die Menschen geknebelt sind? Nur mal so als Beispiel …
Die Probleme entstehen a) ob des mangelnden Respekts und das nicht nur bei der profanen Dinglichkeit und b) ob der diversen Perversionen von “Freiheit” die einem heutzutage untergejubelt werden. Das weiße Rauschen quasi am Rande der Gesellschaft ist die eben diese profane Dinglichkeit von Code, Musik, Buch … der Mensch kommt dabei zu kurz und solange dieser nicht Respekt vor anderen Menschen hat und somit Freiheit fördert, werden auch weiterhin sachliche Zwänge in Form von DRM, abgeschlossener Information etc. existieren. Hier wird allgemein das Pferd von hinten aufgezäumt und genau diesen Punkt gehe ich an!

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#2 Falk am 10.05.2007 gegen 21:33

Kann ich ja auch nachvollziehen und sicherlich geht der Grundgedanke immer auch mit der “Befreiung” der Menschheit einher. Es geht in meinen Augen ja schon dort los, wo sich der Mensch selbst knebelt und Dingen unterwirft, die ihn und seine Freiheit einschränken. Aber: Das betrachtet eben den Einzelnen immer auch nur einzeln. Ich versuch da für mich immer auch eine Gesamtheit herzustellen, die man gemeinhin als Gesellschaft bezeichnet, wir allerdings sicherlich alles andere haben, als die Summe von Individuen.

Es mag da oben nicht anklingen, aber für mich selbst steht bei der Betrachtung der Mensch (ob jetzt der Musiker, der Hörer oder ich selbst) im Mittelpunkt. Niemand sonst.

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#3 Robert am 11.05.2007 gegen 00:00

Guter Artikel! Kann es sein, dass die Aussage Es wird Zeit, dass die alle wegsterben von Tim Renner stammt? Sein Buch heißt ja schließlich »Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm«.

Es gibt übrigens durchaus „Kreativwirtschaft“: Möglichst kreativ den Konkurrenten abzocken ;-)

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#4 Falk am 11.05.2007 gegen 00:09

Den Spruch hatte ich in ähnlicher Form vor paar Tagen irgendwo in den Kommentaren hinterlassen. Ob der “Retter der Alternativkultur” den ähnlich geschrieben hat, weiss ich grad auch nicht :)

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